Camino 2: der Klang der Stille

Liebe Lesende,

für zwei Wochen war ich im Juli 2022 im Zeichen der Muschel unterwegs und die Erkenntnisse, die ich aus diesem mehr als 300 Kilometer langen „Camino“ für mich gezogen habe, sind höchst vielfältig. Aus meinen Aufzeichnungen ist eine kleine Serie von fünf Folgen über meinen persönlichen Jakobsweg entstanden. Folge 2:
der Klang der Stille.

Auf dem Camino begegnet man so manchem Zeitgenossen, der irgendetwas sucht, man begegnet humpelnden Menschen, man begegnet leichtfüßigen Zeitgenossen und am allermeisten begegnet man sich selbst. In der Stille zu laufen, das heißt, sich selbst zu lauschen, umgeben von einer Symphonie der Natur. Vögel zwitschern, Blätter rauschen, und der eigene Atem singt irgendwie mit. Manchmal kehrt man ein und trifft besondere Typen auf diesem Weg. Neben mir saß frühmorgens plötzlich ein polnischer Pilger, der ein zwei Meter hohes Kreuz trug. Er sagte, er wolle es bis hinunter nach Santiago bringen. Ich hatte kein Kreuz. Ich trug mich und meine Geschichte. Das war mir schwer genug.

Der Camino ist ein geduldiger Gefährte. Ich merkte schon nach wenigen Tagen, wie sich meine Gedanken mehr und mehr beruhigten. Ich hatte keine Landkarte bei mir, ich war einfach nur auf einem Weg, der für mich nirgendwo verzeichnet war – auf dem Weg zu mir selbst. Manchmal ließ ich über den Kopfhörer Michael Bublé singen, irgendwann wollte ich nur noch hören, was der Camino um mich herum komponiert hatte. Ich sah manchmal Menschen, die kaum noch wandern konnten. Andere lachten und schienen eine Leichtigkeit zu haben, die beneidenswert war.

Nach wenigen Tagen kam ich in Foncebadon in eine Herberge an, die mich an eine Hippie-Hochburg erinnerte. Es gab ein paar Stockbetten, wenige Toiletten, zwei duschen. Die Stimmung war unglaublich. Ein Pilger nahm die Gitarre und plötzlich schien es, als wäre der alte Bob Marley auferstanden. „Could yo be loved.“ Überall grinsten und sangen Pilger, sie sich einfach nur freuten, an diesen Ort gekommen zu sein. Ich fühlte mich ein wenig zu betagt für die hippe Hippie-Kommune. Trotzdem tanzte ich mit und berauschte mich an diesem besonderen Ort. Jasper und Joachin aus Dänemark waren neben mir, und Kim aus Korea konnte das alles nicht glauben. Bob Marley gab alles und und mit „Get up, stand up“ brachen alle Dämme. Tolle junge Menschen, die Hoffnung machen. Hoffnung darauf, dass in dieser Welt sich manches ändert und manches auch so bleibt, wie es ist. Der Camino hat viele Klänge. An diesem Abend klang er nach Frieden und Liebe und nach Santiago. Buen Camino.

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