Journalismus in innerer Not

Liebe Lesende.

heute geht es an dieser Stelle um Journalismus. Viele, die jeden Tag Zeitung machen, tun das in der inneren Verpflichtung, einem öffentlichen Auftrag nachzukommen, der wichtig ist für die Balance dieser Gesellschaft. Der besagte öffentliche Auftrag wird gerne und oft betont. Nicht von ungefähr gibt es mittlerweile einen Gedenktag für Journalisten, um für die Bedeutung ihres Schaffens zu sensibilisieren. Der 3. Mai erinnert jedes Jahr Regierungen daran, dass sie ihre Verpflichtungen zur Pressefreiheit einhalten und Medienschaffende schützen, um deren Sicherheit und Unabhängigkeit und damit die Informationsfreiheit aller zu gewährleisten.

Informationsfreiheit ist in der Tat ein wichtiges Gut und der Auftrag, der mit ihr einhergeht, hat es in sich. Umso bedauerlicher ist es, dass im kränkelnden Medienbetrieb eine Tendenz um sich greift, die weder gut ist für die Journalistinnen und Journalisten noch für jene, die ihre Arbeit vorgesetzt bekommen. Die Rede ist von der bedenklichen Tendenz, verstärkt die Lauten zu hören und im Gegenzug die Leiseren zu überhören – und damit einen Trend zu boostern, der ohnehin schon wie Kaugummi an den Sohlen dieser Gesellschaft klebt.

Neulich hat Renate Köcher, die Chefin des renommierten Instituts für Demoskopie in Allensbach, erklärt, dass es heute „mehr stille Mehrheiten und laute Minderheiten“ gebe als früher – und dass die quantitative Bedeutung der Lauten deshalb oft überschätzt werde. Das Allensbach-Institut ist wegen seiner fundierten Umfragen bekannt und die Chefin weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt: „Da ich hier täglich mit Bevölkerungsumfragen arbeite, bin ich eigentlich wesentlich entspannter, als wenn ich jetzt nur Medien nutzen würde, um mir diese Gesellschaft zu erschließen.“ Ein Satz wie Donnerhall! Übersetzt heißt er: die Medien bilden einen fatalen Trend ab und hören vor allem die Lauten, Bunten und Schrillen, was tatsächlich ein Problem ist, weil sich dadurch in der Bevölkerung, die nicht in Allensbach arbeitet, der Eindruck verstärkt, dass es sich um eine repräsentative Gruppe handele, also dass hinter schrillen Forderungen scheinbare Mehrheiten stehen. Und das ist gefährlich, wie man in diesen Tagen an der russischen Propaganda-Maschinerie sieht!

Es wird derzeit viel über die Zukunft des Journalismus geredet. Manche läuten bereits das Totenglöcklein. Das ist vielleicht ein bisschen früh. Tatsache ist: Journalismus verändert sich. Früher war er notwendig, weil es einen Mangel an Informationen gab. Heute ist Journalismus notwenig, weil es eine zu große Fülle von Informationen gibt. „Früher hatten Journalisten ein kleines Rinnsal zu betreuen“, sagt der Medien-Professor Walter Hömberg. „Heute ist es ein breiter Strom, der in vernünftige Bahnen gelenkt werden muss.“

Dieser Strom fließt immer schneller. Das wird einem bewusst, wenn man zurückblickt, gar nicht mal so lange. Napoleons Tod auf St. Helena  am 5. Mai 1821 wurde in der „Londoner Times“ als erster Zeitung zwei Monate später gemeldet. Die Zeitungen in Berlin druckten die „Times“-Meldung weitere zehn Tage später nach. Die Meldung über Mahatma Gandhis Tod lief 1948 schon wenige Minuten nach dem Schuss des Attentäters in allen Orten der Erde ein. Sie gilt als das klassische Beispiel moderner Nachrichtentechnik. Und heute? Da stehen Journalisten zunehmend unter dem Diktat enormer Beschleunigung. Teilweise werden Dinge berichtet, bevor sie wirklich passiert sind! Dabei wäre es eigentlich die Kernaufgabe, mit Gelassenheit und Ruhe in der redaktionellen Großküche zu stehen und ein Menü für die Leserschaft zu kochen, das aus substanziellen und geprüften Lebensmitteln besteht. Die besagte Küche ist kein Ort, an dem Leute herumdilettieren sollten, denen es nicht wirklich um Qualität geht, sondern vor allem um Quantität, die sich über eine überforderte und verwirrte Leserschaft ergießt.

Die Umdrehungen der Branche erscheinen deutlich zu hoch. Inzwischen sind die Medienmacher der Gegenwart dabei, sich journalistisch selbst zu überholen. Für Medienschaffende mit Anspruch ist da immer weniger Platz. Die Maschine muss gefüttert werden, egal womit. „Die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter als das geflügelte Talent“, schrieb einst Friedrich Schiller. Guter Journalismus braucht nicht Mittelmäßigkeit, sondern geflügeltes Talent und gut ausgebildete Redakteure, die nicht nur die Lauten hören, sondern gerade auch der Mehrheit der Stillen den ihr gebührenden Raum sichert, die filtert und einordnet. Was wir nicht benötigen, sind leicht ausbeutbare Multitasking-Journalisten, die mit Tablet samt Filmkamera und Spracherkennungsprogramm fürs schnelle Diktieren unterwegs sind, um kalorienarme Zutaten für Radio, Internet und Zeitung möglichst gleichzeitig, vor allem aber gleichermaßen billig abzuliefern. Discounter-Journalismus ist nicht die Antwort auf die Fragen der Zeit! Viele sind deshalb aus der Branche ausgestiegen. Ab-Findung statt Themen-Findung. Neulich las ich die Meldung, dass sich ein altgedienter Redakteur mit 50 jetzt als Kneipier versucht. Schwer verdaulich, das alles. Und für eine Gesellschaft, die aufgeklärt sein will, auch alles andere als bekömmlich.

Ein Kommentar

  1. Lieber Michael,
    da schreibst Du mir aus der Seele – gekonnt, wie sonst kein Zweiter. Schade, dass es zu wenige von Deinem Format in den Zeitungen dieser Welt gibt. Denn wenn die Informationen fehlen oder fehlerhaft sind, beginnen die Gerüchte. Und die sind für eine aufgeklärte Gesellschaft schädlich.
    Hoffen wir das Beste und warten wir auf viele „geflügelten Talente“.
    Herzliche Grüße
    David

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