Ludwigsburg dreht durch

Liebe Lesende,

„über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, trällerte Reinhard Mey und fügte hinzu: „Was groß und wichtig erscheint, wird plötzlich nichtig und klein.“ Nun ist das jetzt in Ludwigsburg errichtete Riesenrad zwar der größte reisende Gondel-Gigant der Welt, aber mit 70 Metern doch noch unter den Wolken. Immerhin: Ludwigsburg tut endlich, was Ludwigsburg tun kann: es strebt nach Höherem!

Der neue Besuchermagnet auf der Bärenwiese strahlt nachts weithin und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass er die Massen anlocken wird. Die Werbemaschinerie läuft auf Hochtouren und so sprechen die Macher vom „rotgoldenen Glanz der Abendsonne“, in dem sich „der weiße Stahl spiegelt“.  Aus den 48 beheizten und geschlossenen Gondeln heraus biete sich „eine atemberaubende Aussicht auf das Ludwigsburger Residenzschloss, das Blühende Barock und so viele sonst verborgene Ecken und Innenhöfe sowie weit darüber hinaus. Nach Sonnenuntergang zaubern 100.000 LEDs prächtige Farbspiele auf das monumentale Rad“.

Das große Rad hat übrigens eine lange Geschichte. Ein amerikanischer Brückenbauer hat es 1893 erfunden. Er ging darüber pleite, aber seitdem wird das Großkarussell fast überall auf der Welt gefeiert, im Orient wie in London. Dabei begann alles mit dem Eiffelturm, errichtet von Gustave Eiffel 1889 in der französischen Hauptstadt. 300 Meter hoch machte er damals die „Exposition Universelle“ zu einem Hingucker. Vier Jahre später richtete Chicago die Weltausstellung aus und da war die Not groß, weil es an einem XXL-Stahlgiganten wie im Paris mangelte. Gustave Eiffel reiste eigens aus Paris an. Er kam mit dem Plan um die Ecke, einen noch höheren Turm zu bauen, aber das war dann doch zu viel der Kopie.

Schließlich meldete sich ein unscheinbarer Ingenieur bei den Organisatoren. George Washington Gale Ferris kannte sich mit Eisenbahntechnik und Brückenbau aus und er schlug vor, ein hochgestelltes Rad zu bauen. Mit Dampfkraft sollte es betrieben sein und in seinen gewaltigen Gondeln bis zu 2000 Passagiere gleichzeitig befördern. Die Ausstellungsmacher in Chicago verlachten ihn ob seiner großspurigen Idee. Der Mann mit den großen Plänen im Kopf ließ sich nicht abwimmeln. Ferris baute trotz aller Widerstände das erste Riesenrad der Zeit, mit 76 Meter langen Speichen, dessen Achse allein 45 Tonnen auf die Waage brachte. Im Juni 1893 war das gigantische Werk vollbracht und die Menschen strömten ins Riesenrad, das auf dem  Ausstellungsgelände zwischen ägyptischen Bauchtänzerinnen und der Buffalo Bill Wild West Show seinen Dienst tat – und die Leute in schwindelerregende Höhen beförderte.

Was lernen wir heute daraus? Man muss an sich glauben und darf durchaus auch einmal eine Spur größer denken! Womit wir zurück in Ludwigsburg wären, wo im Alltag leider oft allzu kleine Räder gedreht werden, vor allem in der Kommunalpolitik. Es fehlt mitunter an Visionen für mehr bezahlbaren Wohnraum. Obendrein zerschneidet die Bundesstraße 27 die Stadt und die Luft könnte weitaus besser sein, weshalb man zur Abhilfe Luftfilter an den Straßenrand stellt. Wie wäre es, wenn man in Ludwigsburg tatsächlich einmal das wirklich große Rad drehen würde? Nochmal nachdenken im Spiegel neuer Technik über eine Untertunnelung der B 27? Auf dem Deckel könnte man Häuser bauen, die City neu denken und die Autos überwiegend in die Tiefe verbannen, während sich droben im Städtle die gedanklichen Riesenräder drehen. Der gute Ferris hat es vorgemacht. Ludwigsburg darf ruhig auch mal durchdrehen und in Superlativen schwelgen. Der Anfang ist gemacht. Herr Knecht, bitte übernehmen!

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