Bewandert durch Wandern

Liebe Lesende,

wer nicht achtlos durchs Leben wandert, sondern darin bewusst geht, ist am Ende fürs Leben gut bewandert. Diese Erfahrung haben viele Wanderer gemacht, darunter auch Philosophen wie Konfuzius, für den der Weg das Ziel war. Der Däne Soeren Kierkegaard durchlitt beim Wandern wahre Qualen, was in der persönlichen Erkenntnis gipfelte: „Ich habe mir meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann.“

So manches geht leider nicht weg beim Wandern, aber wenigstens erscheint das allzu Irdische dabei manchmal in einer anderen Dimension. Zwei Wanderer, die mich tief beeindruckt haben, begleiten mich stets bei meinen Gängen durch die Zeit. Die eine ist Esther, die mir die Berge zeigte und ihre Schönheit. Esther wirkte wie hineinkopiert in diese Kulisse. Bei ihr schien sich das ganze Spektrum des Lebens in jedem einzelnen Schritt zu verdichten. Esther lag nicht erst auf dem Gipfel die Welt zu Füßen. Ihr lag die Welt in jedem Schritt zu Füßen. Ich werde ihre Anmut bis zum letzten Schritt niemals vergessen.

Der zweite Wanderer war Kurt, ein damals 65-jähriger Gärtnermeister aus Hessigheim, der 3350 Meter quer durch Europa marschierte, trotz eines künstlichen Darmausgangs, besorgniserregender Blutwerte und dem Befund, bald nicht mehr gehen zu können, aber gehen zu müssen. Ich porträtierte ihn nach seiner längsten Wanderung und er erzählte, wie er bei seinen ausgedehnten Tagesmärschen vom hohen Norden Deutschlands bis nach Rom endlich Zeit fand für sich. Kurt hörte in sich hinein, ließ seinen biografischen Film rückwärtslaufen, bilanzierte sein Leben und rechtfertigte sich für die Fehler. Es dauerte, bis er diesen Prozess abgeschlossen hatte und sich neuen Gedanken und Begegnungen öffnen konnte. Irgendwann fing er an, sein absehbares Leben nicht mehr allein nach der Länge zu bewerten, sondern in der Maßeinheit der Intensität. Das hat nicht nur ihn verändert, sondern auch sein Bild von den anderen. 

„Hinter jedem Berg wohnen Menschen mit den gleichen Ängsten und Wünschen“, erzählte Kurt. „Und die meisten von ihnen sind besser, als man glaubt.“ In der Lüneburger Heide übernachtete er nach einer langen Etappe unter freiem Himmel. In der Nacht wachte er plötzlich auf und blickte zum Himmel. Da hatte Kurt plötzlich das Gefühl, wie er sagte, „als wenn jemand Diamanten am Firmament ausgestreut hätte“. Wie hypnotisiert drehte er seinen Kopf zur Seite und sah drei Rehe, die ohne Scheu nur ein paar Meter entfernt vor ihm grasten. „In diesem Moment war ich eins mit dem ganzen Universum“, erzählte Kurt. Ganz und gar bewandert durch das Wandern ging er ein paar Wochen nach seiner Reise hinüber in eine andere Welt, von wo aus er jetzt vermutlich wie Esther hinunterblickt auf uns irdische Wanderer, mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

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