Fitness über den Tag hinaus

Liebe Lesende

der ehemalige englische Premierminister Winston Churchill hatte mit dem Sport ungefähr so viel am Hut wie die Querdenker-Bewegung mit Realitätsnähe. Seine eigenwillige Einstellung zu Sport ist legendär. „Sport ist Mord“ verkündete Churchill, wobei er sich selbst ohne Sport nicht wirklich Gutes tat. Hoher Blutdruck, zwei Schlaganfälle, ein Herzinfarkt. Churchill wurde trotzdem 91.

Inzwischen geht der Trend weg von der Anti-Sport-Bewegung nach Churchill und es hat den Anschein, als würde das Pendel in die völlig andere Richtung schlagen. Fitness-apps sind nach wie vor der Schlager, wir Heutigen messen tagsüber jeden Schritt und natürlich auch nachts den Puls. Fitness ist das Gut aller Güter, fast schon eine eigene Religion. Fitness-Studios sind die sakralen Orte dieser Bewegung, Diäten erfüllen den höheren Sinn von Bußübungen. Kein Wunder also, dass die Kirchen bereits vor Jahren bestürzt vor der Konkurrenz warnten. Früher sorgte Bhagwahn mit seinen Jüngern für Angst und Schrecken, heute ist es der Fitness-Wahn.

„Wenn die Sorge um äußerliches Wohlbefinden und körperliche Fitness einen derart breiten Raum einnimmt, dass man schon von Gesundheitsreligion sprechen kann, dann verschiebt sich allmählich das Bild vom Menschen“, kritisierte einst die Deutsche Bischofskonferenz. In die Gemeinschaft gehörten schließlich auch jene Menschen, die dem propagierten Bild von körperlicher und mentaler Fitness nicht entsprächen. Es dürfe in diesen Zeiten kollektiver Sinnsuche nicht nur um den heilen Körper gehen, sondern bei alledem möge bitte auch noch Platz für das Heil der Seele sein.

Schön gesagt ist das, aber der Gesundheitswahn dieser Epoche lässt sich dadurch nicht vom weiteren Muskelaufbau abhalten. So gab es dieser Tage in Ludwigsburg wieder eine große Gesundheitsmesse im Forum am Schlosspark. Die Anbieter brachten so ziemlich alles aufs Parkett, was dem neuen Spirit dient. Produktinformationen und Vorträge von Fitness-Tempeln, Apotheken und orthopädischen Schuhmachern. Es gab „Coaching für mehr Wohlbefinden“ „frische und natürliche Kosmetikprodukte“ und auch „Wohlfühlprodukte aus Alpakawolle“. Gesundes Herz, was willst du mehr?

Nun ja, an einem Stand freilich kam man irgendwie schon ins Grübeln auf der besagten Gesundheitsmesse. „Junge Bestattungen“, war dort zu lesen. Es ging um die Bestattungsvorsorge. Aha! Gesundheit von der Wiege bis zur Bahre und vielleicht darüber hinaus? Fitness über den Tag der Tage hinaus? Oder wie ist das sonst zu verstehen? Mir kam prompt der gute Manfred Rommel in den Sinn, der einmal dem hübschen Satz die Freiheit geschenkt hat: „Und schüttel‘ ich die Urnen/lass ich meine Ahnen turnen!“

Rommel war selbst nicht allzu sehr dem Körperkult zugetan. Da hielt er es eher mit Churchill. „Sport ist Mord.“ Und weil das nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist, sind zwangsläufig eben jetzt auch die Bestatter auf Gesundheitsmessen vertreten. Bei so viel Bewegung und Gesundheitsprogramm liegt es irgendwie nahe, sich rechtzeitig mit dem Thema „Bestattungsvorsorge“ zu befassen. So gesehen war die Messe in Ludwigsburg der Zeit gewissermaßen weit voraus.

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