Den Chancen eine Chance

Es gibt eine hübsche Geschichte, die von Steve Jobs erzählt wird, dem Mitgründer von Apple. „Willst du für den Rest deines Lebens Zuckerwasser verkaufen oder willst du die Chance haben, die Welt zu verändern“, soll der Visionär einst John Sculley gefragt haben, damals Vizepräsident bei Pepsi. Dies war der Beginn einer großen Story.

Zuckerwasser ist nicht gerade revolutionär. Leider brauen wir Heutigen oft allzu beharrlich unsere ganz persönliche Brause. Wir bleiben gerne, was und wo wir sind. Wir schützen uns vor Krisen und Anfeindungen und hoffen, dass andere den großen Wurf landen, wenn es darum geht, die Dinge zu verbessern oder dieser Welt einen Dienst zu erweisen. Schade eigentlich. Denn in jeder Herausforderung und in jedem Neuanfang steckt letztlich eine Chance auf Veränderung zum Besseren. Nehmen wir beispielsweise dieses unsägliche Virus, das uns über zwei Jahre im Würgegriff hielt. Das Unternehmerpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci entwickelte einen Impfstoff, der sich durchsetzte und ein Vermögen in die Kassen einer Firma spülte, die ihren Sitz in Mainz an einer netten Adresse hat: „An der Goldgrube 12“. Dabei ist Biontech nicht wirklich gegründet worden, um Milliarden zu scheffeln oder Corona zu bekämpfen, sondern um einer anderen Krankheit entgegenzuwirken, die fürwahr ein Fluch ist. Die angesehenen Wissenschaftler und Unternehmer standen früher als Ärzte nicht selten an Krankenbetten und konnten nichts mehr machen. Also nahmen sie sich vor, personalisierte Krebstherapien zu entwickeln, bei denen nicht mit chemischen Kanonen auf alle Körperzellen geschossen wird, sondern der Schlüssel in einer auf jeden Patienten angepassten Therapie auf mRNA-Basis liegt. Das Nebenprodukt ihrer Forschung war der Corona-Impfstoff. Ein doppelter Glücksfall!

Berechnungen zufolge hat Biontech, eine Firma, die erst vor 14 Jahren gegründet worden ist, allein für fast ein Fünftel des deutschen Wirtschaftswachstums gesorgt. 2021 machte das Unternehmen einen Gewinn von fast zehn Milliarden Euro. Die Gründer legen sich allerdings nicht aufs Sofa und schlürfen Zuckerwasser, sondern nutzen ihren Umsatz für Grundsatz! „Wir haben jetzt zum ersten Mal die Möglichkeit, die Vision des Unternehmens wirklich voll auszuleben“, sagte Ugur Sahin auf die Frage, was er mit dem ganzen Geld anstelle. Und fügte hinzu: „Wir wollen personalisierte Krebstherapien entwickeln, Medikamente, die auf den individuellen Krebspatienten maßgeschneidert sind. Das ist ein Technologie-Umbruch, der nur passiert, wenn man Milliarden investiert.“

Es ist den beiden Medizinern durchaus zuzutrauen, dass ihre Medikamente in absehbarer Zeit eine Zulassung erhalten. Die Grundidee ist, die genetische Zusammensetzung von entdeckten Tumoren zu ermitteln und mit individuell codierten Impfstoffen im Immunsystem der Betroffenen ein schnelles und gezieltes Wachstum von Abwehrzellen zu ermöglichen. Darin wohnt die Hoffnung, eines Tages viele Menschen zu retten, die ohne diese Technologie vor der Zeit sterben müssten oder unter jahrelangen Chemotherapien langsam zugrunde gehen. Eine Chance geboren aus der Not. Ein Virus als Geburtshelfer für eine Therapie mit gewaltigem Potential.

Man muss nicht Sahin oder Türeci heißen, um zu erkennen, dass wir alle umgeben sind von Chancen, die sich nutzen lassen. Das Große liegt oft im Kleinen. Man muss nur offen sein dafür und neugierig bleiben. „Der unvorbereitete Geist kann die ausgestreckte Hand einer Chance nicht sehen“, hat der britische Mediziner und spätere Nobelpreisträger Alexander Fleming einmal gesagt. Seien wir also vorbereitet. Sonst bleiben wird beim klebrigen Zuckerwasser. John Sculley übrigens ließ sich von Steve Jobs überzeugen, fing bei Apple an und trug maßgeblich dazu bei, dass die Firma zahlreiche richtungsweisende Produkte entwickeln konnte. Chance genutzt.

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