Und ewig glüht die Birne

Liebe Lesende,

wer sich zu lange streichelt über den wohlgenährten Bauch, der kann recht schnell auf selbigem landen. Dafür gibt es viele Beispiele. Eines davon ist die Stadt Detroit. Bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts galt die Metropole als bedeutendste Industriestadt der Welt und stolze Wiege der Autoindustrie. Man schraubte fröhlich am amerikanischen Traum, seit Henry Ford 1913 das erste Fließband in Detroit startete. So mancher Fabrikarbeiter verdiente mehr als ein Ingenieur in Deutschland. Die drei großen US-Autobauer General Motors, Ford und Chrysler produzierten an diesem Ort bald Fahrzeuge für die Welt, viele Zulieferer siedelten sich in einer Stadt an, die sich gerne mit dem Attribut „Motor City“ schmückte. So legte sich Detroit in den fünfziger Jahren einen gewaltigen Speckgürtel zu, 1,8 Millionen Einwohner hatten hier ihr Zuhause. Es ging den meisten gut. Vielleicht zu gut.

Es kam die Finanzkrise und mit ihr ein bitterer Strukturwandel. Auto-Giganten wie General Motors mussten Insolvenz anmelden, die Arbeitslosenrate näherte dich der 20-Prozent-Marke, die Stadt zerfiel und kam total herunter. 2013 wurde Detroit zur ersten Großstadt der USA, die in die Pleite schlitterte und in Konkurs ging. Der Niedergang der ehemaligen Autostadt Detroit ist das beste Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man aufhört, die eigene Birne zum Glühen zu bringen – und nachzudenken über den Tag nach dem Tag.

Kann uns das in der Autoregion Stuttgart auch passieren? Eine durchaus berechtigte Frage, mit der sich kluge Köpfe nicht nur bei Daimler, Porsche und Bosch beschäftigen, deren Kerngeschäft vor weitreichenden Veränderungen steht. Auch der Stuttgarter Regionalverband und die dort ansässige Wirtschaftsförderung beschäftigen sich mit unterschiedlichsten Szenarien rund um den Umbruch in der Schlüsselindustrie am Neckar. Der gesamte Ballungsraum um Stuttgart würde gewaltig ins Husten kommen, wenn sich die Vier-Räder-Branche erkältet. 118.000 Menschen in der Region sind unmittelbar im Automobil-Cluster beschäftigt. Zählt man die Firmen dazu, die nicht direkt dem Fahrzeugbau zugeordnet sind, aber einen großen oder größeren Teil ihres Umsatzes mit der Fahrzeugbauindustrie erzielen, dann erhöht sich diese Zahl auf rund 215.000 Menschen. Fast 54 Prozent des Umsatzes der gesamten verarbeitenden Gewerbe in der Region Stuttgart kommen aus der Kfz-Branche. 56 Prozent des Umsatzes der baden-württembergischen Fahrzeugbauindustrie werden in dieser Region erzielt.

Das Auto an sich, so viel steht fest, ist nicht mehr per se in der Pole-Position. In der Mobilität kündigt sich eine historische Zäsur an. Benzin ist out, Elektro in. In Zukunft werden die einzelnen Verkehrsmittel zudem weit weniger in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich besser ergänzen müssen. Schon heute bevorzugen es viele Menschen in den Ballungsräumen, selbst kein Auto mehr in der Garage zu haben. Heute carsharing, morgen Bahn, übermorgen E-Bike. Mobilität wird immer öfter individuell und nach Bedarf kombiniert. Die Kraft der sozialen Netzwerke wirkt für diesen Trend beschleunigend.

Wer das aussitzen möchte, wird sitzen bleiben. In diesen Zeiten wohnen gewaltige Risiken – und zugleich Chancen. Dabei gibt es durchaus ermutigende Zeichen. Nicht von ungefähr denken immer mehr Menschen um, sei es beim Autokauf, im Supermarkt oder bei der Energieversorgung des Eigenheims. Das alles kostet Geld und vielleicht wird der Gürtel an manchen Bäuchen ein bisschen enger. Es ist nicht leicht, aber es ist für einen guten Zweck.

„Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, hat Hölderlin einmal gesagt. Detroit kämpft sich übrigens langsam zurück. Nur an wenigen Orten in den USA kann man heute mit schmalem Budget so viel bewirken wie in dieser Stadt, wo es Häuser auf dem Höhepunkt der Immobilienkrise 2008 für schlappe 100 Dollar zu kaufen gab. Das lockte Menschen an, die Lust hatten, etwas zu bewegen ohne viel zu haben. Erst kamen Künstler und Kreative, weil es in der alten Motor-City günstigen Wohnraum gab. Mit ihnen breitete sich ein neuer Geist aus. Investoren kaufen jetzt wieder Grundstücke, Firmen kehren zurück in die Stadt, Start-ups gehen von hier aus an den Markt.

Stuttgart ist nicht Detroit. Und doch sollten wir in diesen Breitengraden wachsam sein. Nichts ist selbstverständlich. „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein“, befand einst der Unternehmer Philip Rosenthal, der in Porzellan machte. Damit solches nicht wie in Detroit zu Bruch geht, sind wir in Stuttgart und anderswo gut beraten, nicht allzu sehr den genährten Wohlstandsbauch zu streicheln, sondern uns lustvoll neu zu erfinden, Tag für Tag.

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