Je grauer, je schlauer

Liebe Lesende

der zweite Frühling komme nicht selten mit den dritten Zähnen, hat Walter Matthau einmal gesagt. Nach der unerschütterlichen Logik des Abreißkalenders wird es auch uns eines nahenden Tages erwischen. Dann werden wir einberufen ins wachsende Heer der Alten und sitzen vielleicht in unseren Stuben, zählen die Spinnweben an der Decke, und spielen ein bisschen mit unseren Ersatz-Beißern. Eine Freundin hat neulich ihre Mutter im Seniorenstift besucht und sich gewundert, das einer der Pfleger alle Hochbetagten am Eingang zum Speisesaal ersuchte, doch bitte nett zu lächeln. Wie sich herausstellte, waren bei einer der beherbergten Damen im Zimmer zwei Gebisse entdeckt worden. Das eine gehörte ihr, das andere hatte sie irgendwo gemopst. Um das gute Stück seiner Bestimmung zuzuführen, wurden sämtliche Bewohner auf Zahnlücken gecheckt. Alle mal lachen.

Ansonsten ist Alterden leider nichts für Feiglinge. Je älter man wird, desto mehr Freunde verwandeln sich in Straßenschilder. Und wir werden statistisch gesehen immer älter! Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt in Deutschland belief sich 2020 für Männer auf 78,9 und für Frauen auf 83,6 Jahre. Damit hat sich die Lebenserwartung seit dem 19. Jahrhundert rasant entwickelt und sich gegenüber der 1870er Jahre mehr als verdoppelt. Gleichwohl bauen wir im Alter ab, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Wer trainiert und ein möglichst aktives Leben führt, kann dem biologischen Alterungsprozess immerhin ein bisschen entgegenwirken. Wie ein Kind sollte man sich fühlen können mit den alten Knochen im Leib. Das wär’s. Ist nicht möglich? O doch! Mut machen uns die gebräunten Pensionäre aus dem Rentnerparadies Spanien. Dort gibt es seit einiger Zeit als Antwort auf die kollektive Alterung spezielle Spielplätze für Senioren. In Leganes, südlich von Madrid, erfreut sich einer der ersten Spielplätze für Ältere immer noch großer Beliebtheit. Es gibt mehr als 20 Trainingsgeräte, die jeweils andere Muskelpartien kräftigen oder ganz einfach nur Spaß machen. Grauhaarige Männer und Frauen weit über 60 Jahre turnen an den Geräten. Bald schon werden die Senioren auch bei uns schaukeln und rutschen. Wäre es da nicht an der Zeit für Stuttgarts trendigen Oberbürgermeister Frank Nopper, immerhin auch schon im sechsten Jahrzehnt, das Image-Konzept für Stuttgart entsprechend anzupassen? Stuttgart  als Paradies für Senioren, die das Kind in sich spüren wollen! Klingt doch gut. Spielplätze allerorten, gesperrt für Kinder, geöffnet für Betagte, daneben kleine Imbissbuden, in denen es Diätschokolade, Muskelbalsam und Sauerstoffspray gibt. Das würde womöglich die Zufriedenheit der älteren Stuttgarter deutlich steigern. Laut dem Meinungsbild des Amts der Landeshauptstadt, das seit 1995 alle zwei Jahre erhoben wird, haben jetzt bei einer Bürgerumfrage weniger als 80 Prozent der Antwortenden angegeben, dass sie gern in Stuttgart leben. Ach herrje. Da hilft kein Riesenrad. Seniorenspielplätze wären eine Idee. Die Zielgruppe möge sich bittesehr umgehend in die Planung einschalten. Je grauer, je schlauer.

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