Das Leben ist (k)ein Spaziergang

Liebe Lesende,

am Anfang dieses Stücks steht ein Geständnis. Ich war ein Querdenker! Mein halbes Leben habe ich als Journalist damit verbracht, die Dinge ein bisschen quer zum Mainstream zu denken und öfter mal die Perspektiven zu wechseln. Ich war gerne Querdenker. Für mich lag in diesem Wortpaar der Akzent auf „Denken“. Inzwischen gibt es da eine Bewegung, die mir meine Philosophie verleidet hat, weil sie den Akzent auf die Vokabel „Quer“ legt – und das Denken dahinter oft bis zur Unkenntlichkeit verschwindet.

Ich finde, dass jeder seine Meinung vertreten kann, selbst wenn sie sehr vielen als verquer erscheint. Das muss eine Gesellschaft aushalten. Schwer auszuhalten ist allerdings, wenn sich eine Bewegung formiert, die Verschwörungstheorien zu ihrem Kitt macht und ihrer Wut auf die Mehrheit der Andersdenkenden freien Lauf lässt. Mir kommt das manchmal so vor, als wären da Alchemisten am Werk, die Esoterik mit Rechtsextremismus, berechtigter Sorge und althergebrachtem Frust mischen und daraus einen Trunk machen, der zwar letztlich wenige berauscht, in seiner Wirkung allerdings toxisch ist, weil er die Minderheit ekstatisch und laut schreien lässt und die Mehrheit gleichsam zum verlegenen Schweigen bringt.

Dieser Konflikt ist aus der Perspektive der Kommunikation betrachtet kein Spaziergang. Wobei der Spaziergang ja auch nicht mehr ist, was er einmal war. Draußen an der frischen Luft, der Hund an der Leine, und vielleicht noch in Begleitung von einem lieben Menschen, haben wir diese Form des Müßiggangs einst genossen. Doch auch hier, ähnlich wie beim Querdenken, ist der Begriff Spaziergang sozusagen auf den Hund gekommen. Denn jetzt gehen plötzlich Hunderte auf Nachtwanderung in politischer Mission, und fürs Licht sorgt die Polizei, die natürlich Sonderschichten schieben muss. Ach herrje: wer will da einfach mal noch Luft schnappen bei einem Spaziergang ohne Hintergedanken? Unbeschwertes Flanieren ist Geschichte. Nunmehr geht’s zum politischen Spaziergang gegen die Corona-Politik und überhaupt gegen die anderen, die nicht sind, wie sie sein sollen!

In my hometown Ludwigsburg gehen am 22. Januar um 15 Uhr alle gleichzeitig spazieren auf dem Marktplatz. „Unsere Stadt hat Querdenken satt“, heißt der Aufruf, hinter dem die Grünen stehen und die Roten und die Linken, der Jugendgemeinderat und auch die Jusos und die teachers for future. Heiliger Strohsack, das wird ein buntes Treiben! Wer mitmachen will, soll einen Schal mitbringen, möglichst 1,50 Meter lang, und unter Einbeziehung der Abstandsregeln eine Menschenkette bilden. Es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Das Zeichen wird dann am Montag sichtbar in der Zeitung, wobei zu befürchten steht, dass auch die Querdenker die Bühne nutzen werden. Der Mensch kennt leider nur zweierlei Maß: das Maß für sich und das Maß für die anderen. Für beide Seiten ist das Maß offenbar voll.

„Maß voll“ und „maßvoll“ liegen im Lexikon nahe beieinander. Nur eine kleine Leerstelle und eine Nuance der Betonung machen den Unterschied. Es ist zu bedenken, dass die Pandemie in einigen Monaten vielleicht langsam in einen Schlaf gleitet, in dem sie versinkt, wenn man sie nicht mehr aufweckt. Dann müssen alle wieder über den Marktplatz gehen und sich begegnen. Wäre schön, wenn wir uns dann noch anschauen könnten. Vielleicht sollten wir uns dafür alle ein bisschen leer denken und dann wieder richtig voll denken und zur Not auch ein bisschen quer denken, damit ein Spaziergang am Ende wieder ein Spaziergang ist – und nichts als ein Spaziergang.

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