Tücken der Verkehrswende

Liebe Lesende,

mehr als 30 Jahre ist es her, dass die Scorpions aus Hannover die Welt verzückten mit einem Hit, der für Veränderung stand: „wind of change“. Heute weht vor allem der Fahrtwind der Verkehrswende durch deutsche Städte und so ist es nicht verwunderlich, dass auf dem Weg zur neuen Mobilität im münsterländischen Ahaus jetzt ein beklagenswerter Vorfall aktenkundig wurde: Eine 64 Jahre alte Fußgängerin ist dort von einem roten Bobby-Car angefahren und leicht verletzt worden! „Zur Verletzung kam ein Loch im Hosenbein als Unfallfolge hinzu“,  heißt es im Bericht der Polizei Borken, die prompt nach dem Unfallverursacher fahndete, weil selbiger nach dem Malheur in der Fußgängerzone mit dem Bobby-Car ohne hinreichend belastbaren Adressentausch sozusagen Fahrerflucht begangen hatte.

In den urbanen Ballungsräumen, so steht zu befürchten, werden sich im Zuge der Verkehrswende noch mancherlei solcher Kuriositäten ereignen. Eine davon hat der Autor dieser Zeilen erlebt, der schon länger ein Freund der Elektromobilität ist. Vor dem Haus steht ein E-Auto, daneben ein E-Roller und im Keller ein E-Rad. Das E-Auto hatte neulich einen kleinen Zettel am Scheibenwischer, er stammte von der Stadt Ludwigsburg und war Balsam für die Seele. Im Rahmen der städtischen Verkehrswende-Kampagne bekam der Halter des Wagens für den Umstieg aufs E-Auto nicht nur lobende Worte für die Weitsicht, sondern auch noch eine Brause. Was für eine prickelnde Idee! Die Freude freilich währte nicht allzu lange. Am nächsten Tag fuhr besagter Freund der E-Mobilität mit dem E-Roller zum Markt und stellte das nicht minder umweltfreundliche Gefährt neben einen Radständer. Niemand wurde dadurch eingeschränkt, doch der städtische Vollzugsdienst heftete diesmal keine Brause ans Gefährt und auch keine ermutigenden Worte, sondern einen Strafzettel über 30 Euro.

Nun ja, was sind solche Kleinigkeiten gegen die große Linie der städtischen Politik, wie  neulich ein Interview mit dem Ludwigsburger Fachbereichsleiter für Nachhaltige Mobilität in der Zeitung offenbarte. Der Mann sprach angetan vom Nutzen der aufgebauten Luftfiltersäulen gegen zu hohe Stickstoffdioxid-Werte an der Bundesstraße und nebenbei auch davon, dass durch die zunehmende Elektromobilität in absehbarer Zeit ohnehin die Grenzwerte eingehalten werden könnten, selbst wenn man nichts machen würde. Daraus lässt sich, zugespitzt gesagt, der vermutlich aus städtischer Sicht unzulässige Schluss ziehen, dass die eher wie Umwelt-Folklore wirkenden Filtersäulen zur Rechten der Bundesstraße im Städtle in absehbarer Zeit ihren Dienst getan haben, weil alsbald Kohorten von Pendlern und Individualmobilitätsjunkies mittels E-Mobilität unterwegs sein werden. Angetrieben von der Brause auf den beflügelnden Lob-Kärtle, werden umweltbewusste Menschen die Barockstadt mit dem Schadstoff-Image vor schierer Begeisterung in ein wahres Frischluft-Mekka verwandeln, wobei das Prädikat „Luftkurort“ dann nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen sollte. Der Fachbereichsleiter darf das dann öffentlichkeitswirksam verkünden.

Vielleicht könnte Ludwigsburg noch einen draufsetzen und die roten Bobby-Cars ins städtische Parkraum-Management aufnehmen – und auch den Nutzern dieses Fortbewegungsmittels ein Kärtle widmen. Die Brause kann bleiben, die Ansprache müsste ein bisschen anders sein. „Du da im Cabrio, schön dass du hier bist!“, könnte aus eigens angebrachten Lautsprechern für die noch nicht des Lesens mächtige Kundschaft tönen. „Vorsichtig fahren durch die Stadt, aufpassen bei Hosenbeinen und das Autole nicht einfach im Weg stehen lassen!“ Das wäre nicht nur ein Beitrag zur generationsübergreifenden Verkehrswende, sondern auch einer, den der Wind der Veränderung nicht einfach so wegblasen könnte. Bobby-Cars sind die Zukunft.

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