Gut sitzende Bausteine

Liebe Lesende,

das Jahr geht langsam zu Ende und so drängt sich ein Rückblick auf. Viele werden vermutlich nicht ganz so zufrieden sein. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie, die uns im Würgegriff hält, drückt aufs Gemüt, dazu kommt die Klimakrise, das Ungewisse der Weltpolitik und die Sorge um die Zukunft und die der Kinder und Kindeskinder.

Es liegt in der Evolution begründet, dass sich unser Denken gemeinhin verstärkt auf Dinge konzentriert, die Gefahr oder Bedrohung verheißen und weniger auf das, was eigentlich gut läuft. Dabei haben sich die Zeiten längst geändert, nur die urzeitlich programmierten Gehirne kommen schwerlich hinterher. Es droht kein Säbelzahntiger mehr um die Ecke zu kommen und kein Nachbar mit Holzkeule, es droht keine akute Hungersnot und in unserer Höhle tropft es nicht von der Decke. Höchste Zeit also, gerade jetzt, sich aus dem Tunnel zu verabschieden und ins Licht zu treten. Vieles ist doch gar nicht so schlecht, oder?

Zu einem solchen Umdenken braucht es keinen Zauber, nur Erkenntnis, wie die Geschichte von jenem buddhistischen Mönch zeigt, der neu in ein Kloster kam und vom Abt vor die Aufgabe gestellt wurde, mit 1000 Steinen im Hof eine schöne Mauer zu bauen. Der Mönch wollte alles richtig machen, legte sich einen Plan zurecht und setzte jeden Stein mit Bedacht, ehe er ihn mit Mörtel fixierte. Am Ende stand er vor einer vollendeten Mauer, war zufrieden und räumte schon auf, ehe er ein letztes Mal seine Arbeit in Augenschein nahm. Plötzlich, ach herrje, fielen ihm zwei Steine ins Auge, die völlig krumm in der Mauer saßen. Der Mörtel war bereits angetrocknet. Frustriert rannte er zum Abt und offenbarte sich als mieserablen und bat darum, das Werk abreißen zu dürfen. Der Abt schüttelte den Kopf und teilte den jungen Mönch stattdessen zum Besucherdienst ein. In den nächsten Wochen führte er Gruppen durch das Kloster und immer, wenn er an der Mauer vorbeikam, bat er die Schar um eine schnellere Gangart, damit keiner sein vermaledeites Werk sieht. Eines Tages separierte sich ein Besucher und stellte sich zum Leidwesen des Mönchs direkt vor die Mauer. „Die ist aber schön“, befand der Mann.

Der Mönch entgegnete: „Sehen Sie schlecht? Da sind doch zwei Steine völlig schief.“ Da antwortete der Besucher: „Junger Mann, ich bin Maurer von Beruf und habe selten eine bessere Wand gesehen. Es stimmt, da sind zwei Steine schief. Aber 998 sitzen einfach perfekt!“ Von diesem Tage an dachte der Mönch anders übers Leben und führte die Besucher wieder freudig zu seiner 100-Steine-Mauer, die für ihn jetzt ganz anders wirkte als zuvor.

Diese Geschichte mag ein wenig nach Prosa klingen und nach heiler Welt. Sie hat aber einen sehr wahren Kern, der viel mit Kommunikation zu tun hat – der Kommunikation mit uns selbst. Wann haben wir uns zuletzt Zeit für eine freudige Bestandsaufnahme genommen? Wann haben wir uns 2021 wirklich bewusst gemacht, was gelungen ist? Wann haben wir uns den Nachhall ausgelassenen Lachens an einem spontanen Abend mit Freunden gegönnt? Wann riefen wir uns bereichernde Begegnungen in Erinnerung, wann haben wir die Bilder des Sommers angesehen oder das begeisternde  Herbstkonzert nachgehört? Wann haben wir unserem Körper und unserem Geist für die Treue gedankt, wann unseren Liebsten gesagt, wie wichtig sie uns sind? Das Leben besteht nicht nur aus Pandemien, Ränkespielen und Bedrohungen. Es ist prall voll mit schönen Dingen, die man nicht nur im Urlaub sehen kann. Die wahre Kunst besteht darin, sie im Alltag zu entdecken, auf den Straßen, über die wir jeden Tag gehen.

Vielleicht also sollten wir gerade zum Jahresausklang nicht zuvorderst die schiefen Dinge in den Blick nehmen, sondern jene vielen Bausteine unseres Lebens, die durchaus gut sitzen. Das wäre ein vielversprechender Anfang für 2022.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.