Liebesbriefe sind unsterblich

Liebe Lesende,

in Zeiten, in denen gekränkte Menschen ihre Beziehung per whatsapp beenden und Eltern die im Haus ein Stockwerk höher logierenden Kinder über den gleichen Kanal zum Essen bitten, weil die Halbwüchsigen sonst nicht an den Tisch zu bewegen sind, ist es an der Zeit, ein Loblied anzustimmen auf eine Kommunikationsform der ersten Stunde.  Sie ist vielleicht ein bisschen langsam, aber gleichwohl stellt sie Nähe her und kündet nebenbei von Gipfelstürmen der Zweisamkeit und auch von Innigkeit. Es ist schon ein paar Jahre her – die Älteren mögen sich erinnern – da tranken Liebende noch das Waschwasser der Angebeteten und schickten sich seltsame Botschaften über noch seltsamere Wege, nämlich auf Papier. Man nannte das Liebesbriefe.

„Ey, geht auch kürzer“, wird die „Generation Smartphone“ jetzt vermutlich gelangweilt einwenden und hinzufügen, dass es doch heute gar nicht mehr möglich sei, das Zeug zu finden, auf das die Alten wortreich ihre Sehnsüchte pinselten. „Wie heißt das? Briefpapier? Nie gehört!“ Schade eigentlich, möchte man einwenden und kramt die alte Schuhschachtel hervor, die lange schon im Keller verstaubt. Darin sind mancherlei Briefe abgelegt, und jeder einzelne ist wie ein Fenster zu einer Geschichte, die Teil des eigenen Lebens geworden ist. In Zeiten von sms und Twitter tut es einfach gut, die betagten, behutsam in Worte gefassten Bekenntnisse aus der Versenkung zu holen. Ach, wie war sie schön, die Zeit der Liebesbriefe, in denen es wimmelt von zauberhaften Bezeichnungen fürs Gegenüber. Lange her. Schatzi, Mausi und Co. haben längst andere Schatzis, Mausis und Cos, und doch sind da noch die Spuren der Vergangenheit, mit Tinte auf weißes Papier gebannt. Liebesbriefe sind unsterblich!

Neulich habe ich ein schönes Buch bekommen. Ein Geschenk der besonderen Art! „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“, lautet der Titel des Buchs. Die Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer, die in dem Werk versammelt sind, haben es fürwahr in sich. 18.000 Briefe hat beispielsweise Juliette Drouet an den großen Dichter Victor Hugo geschrieben, der die Urheberin der Liebesschwüre nicht wirklich gut behandelte. 18.000 Briefe, die von der Liebe zu einem einzigen Mann künden, für den die Verfasserin nie die Einzige war.

Alain Delon schrieb einen wundervollen Brief in einem bitteren Moment. Er saß 1982 neben Romy Schneider, die kurz zuvor an Herzversagen gestorben war. Der Brief gerät zum Zwiegespräch. „Ich schaue die Blumen nicht an, sondern Dein Gesicht“, schreibt Delon. „Und ich denke, dass Du schön bist, wahrscheinlich warst du nie so schön wie jetzt. Ich denke auch, dass ich Dich zum ersten Mal im Leben so heiter und friedlich sehe.“

Bertolt Brecht hatte stets einen gewissen Humor, wenn er Paula Banholzer schrieb, einer jungen Liebe, die er auch später noch verehrte, als er mit Helene Weigel verheiratet war. Seine Paula vergaß der Meister nie. 1917 schrieb er ihr vom Tegernsee: „Du Futter meiner Bandwurmsätze, Du Sphinx meines Mondscheinnachtskahnfahrtentraumwahnsinns.“ Bei whatsapp, so viel steht fest, würde in diesem Fall die Worterkennung komplett versagen. Kein Text von der Stange mit Küsschen Emoji aus der Retorte!

Überhaupt ist das mit dem Briefeschreiben eine Sache, für die es einer gewissen Beharrlichkeit bedarf. Das geht halt nicht so einfach auf Knopfdruck. Davon kündet beispielsweise die Geschichte des Japaners Tamotsu Nishihata aus Nara. Seiner Frau Kyoko, die er mit 35 heiratete, hatte er verheimlicht, dass er des Schreibens nicht wirklich mächtig war. Also bekam die Herzdame ihr Leben lang keinen Liebesbrief. Das änderte sich, als Tamotsu Nishihata mit 64 in den Ruhestand ging und sich mühevoll in die Kunst des Schreibens einfand. Sieben Jahre brauchte das. An Weihnachten 2007 überreichte er Kyoko einen Liebesbrief. Sieben Seiten, selbst geschrieben. Tamotsu Nishihatas Erstlingswerk. Was die Liebe  vermag, ist unbeschreiblich, oder? Es sei denn, man probiert es einfach. Stift und Blatt und Gefühle, die feine Bögen machen, am Besten auf einem Blatt Papier. So wie bei Erich Maria Remarque 1937 als er an die schöne Marlene Dietrich schrieb: „Komm wieder, komm wieder – Bebende, ach endlos Geliebte.“ Bei whatsapp heißt das grob übersetzt: „Sehen uns. Freue mich!“

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