Chauffeure an die Macht

Liebe Lesende,

wer bin ich und wenn ja wieviele? Eine beliebte Frage ist das in diesen Zeiten schwindender Zuversicht. Sicher ist, dass viele von uns nicht unbedingt sind, wie sie sein wollen und nicht wenige sein wollen, was sie nicht sind. Das hat eine lange Tradition, wie ein alte Geschichte von Max Planck nahe legt. Wann immer der geniale Wissenschaftler, der 1918 den Physik-Nobelpreis erhalten hat, irgendwo eingeladen war, hielt er denselben Vortrag zur Quantenmechanik. Sein Chauffeur begleitete ihn von einer Veranstaltung zur nächsten. Und allerorten begeistert Max Planck das Publikum mit dem immergleichen Vortrag über Quantenmechanik.

Der Einzige, der von Mal zu Mal weniger begeistert war, das war der Chauffeur. Eines Tages sprach der Mann seinen Chef an und erklärte ihm, dass er die stetig wiederholte Rede nahezu auswendig könne. Kurz vor einer Veranstaltung machte Max Planck plötzlich den ungewöhnlichen Vorschlag, die Rollen zu tauschen. So geschah es. Der Fahrer hielt die Rede und der hochdekorierte Wissenschaftler Max Planck saß in der Kluft des Chauffeurs in der ersten Reihe. Tatsächlich hielt der Chauffeur den Vortrag so gut, dass niemand im Publikum zweifelte. Zu vorgerückter Stunde allerdings drohte der Schwindel aufzufliegen als ein hochmögender Professor eine fachliche Frage zu dem Vortrag stellte. Der Fahrer auf der Bühne entgegnete allerdings recht schlagfertig: „Mein Herr, was stellen Sie für eine einfache Frage? Die kann sogar mein Chauffeur in der ersten Reihe beantworten!“

Eine witzige Geschichte mit dem Bonus des Realen. Ähnliches trug sich 1976 in Los Angeles zu. Ein gewisser Dr. Myron L. Fox hielt an der University of Southern California einen Vortrag über die Anwendung der mathematischen Spieltheorie in der Ausbildung von Ärzten. Im Publikum saßen Chefärzte der örtlichen Kliniken, allesamt Experten. Keiner hatte jemals etwas von diesem Dr. Fox gehört. Aber das, was und wie es der Mann von sich gab, riss alle von den Stühlen. Die Feedbackbögen waren anschließend voll des Lobes. Der hervorragende Redner Dr. Fox sei ein exzellenter Psychiater, hieß es von den Kollegen. Sein Vortrag habe tief und nachhaltig zum Denken angeregt. Das Material sei perfekt strukturiert gewesen. Note 1.  

Der gute Dr. Fox war in Wahrheit jedoch gar kein Psychiater. Er hatte sich nie mit Mathematik oder Spieltheorie beschäftigt. Er war auch kein Doktor, er war schlicht Schauspieler. Alles, was Fox getan hatte, war, mit Hilfe der Initiatoren dieses Experiments aus mehreren Fachartikeln über Spieltheorie einen Vortrag zu basteln, der ausschließlich aus unklarem Gerede, erfundenen Vokabeln und widersprüchlichen Feststellungen bestehen sollte, die er mit viel Humor und sinnlosen Verweisen auf andere Arbeiten vortrug.

Und die Moral der beiden Geschichten? Es stehen nicht immer tatsächlich jene vor uns auf den Bühnen, die da zu stehen scheinen. In der Ukraine ist ein ehemaliger Schauspieler, der früher einen Staatsführer spielte, jetzt wirklich einer. In dieser Rolle wuchs er über sich hinaus. Das macht ein wenig Mut in diesen Zeiten und wer weiß, vielleicht sitzt Wladimir Putin eines Tages mit Gerhard Schröder auf der Île d’If vor der Küste Marseilles und verbringt dort abgeschottet seinen Lebensabend, just dort, wo Edmond Dantès, Hauptfigur in Alexandre Dumas legendärem Roman „Der Graf von Monte Christo“ viele Jahre unschuldig in einem Kerker auf der Gefängnisinsel saß. Die Weltmacht Russland würde dann vielleicht von einem sympathischen Chauffeur regiert. Gar nicht so schlecht, diese Vorstellung!

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