Der Schrittmacher

Liebe Lesende,

es ist Vorweihnachtszeit, zumindest kalendarisch. Während auf den Marktplätzen jäh ausgebremste Händler frustriert ihre Buden abbauen und zeitgleich 50.000 Fußballfans auf proppenvollen Tribünen dem kickenden Personal zujubeln, macht der unbeirrt vom Fest der Liebe träumende Mensch hurtig seine Geschenkeinkäufe, weil er nicht weiß, wie lange er noch uneingeschränkt durchs Städtle flanieren darf. Jeder geht dabei mit seinen persönlichen Gedanken durch die Straßen – und auch im ganz eigenen Tempo. Dabei gibt es durchaus regionale Unterschiede, wie Forscher der Technischen Universität in Chemnitz einst in einer Studie ermittelt haben. Das Ergebnis: manche Leute sind so langsam, dass man ihnen beim Gehen die Schuhe besohlen könnte, und andere sind so schnell unterwegs, dass man sich von ihrem Luftzug erkälten kann. Den Forschern zufolge waren die Menschen in Trier mit 4,97 km/h am langsamsten. Deutlich flotter kamen die Spitzenreiter aus Hannover daher. Sie brachten es auf 5,38 km/h.

Olaf Scholz, der angehende Kanzler dieser Republik, stammt aus Osnabrück, und es ist nicht überliefert, wie schnell er tatsächlich zu gehen vermag. Er spricht gerne von „Schritten“, der Maßeinheit der Politik. Für einen klimafreundlichen Umbau der Industrie will der SPD-Sprinter „die nötigen Schritte noch im ersten Regierungsjahr einleiten“. Auch zur Pandemie-Bekämpfung sollen weitere Schritte „entwickelt“ werden. Allein das wichtigste Ressort dieser Zeit, das Gesundheitsministerium in Berlin, ist dafür aktuell noch nicht an der Spitze besetzt. Und das, obwohl jeder Tag zählt. Draußen wird immer heftiger genossen, während die Genossinnen und Genossen dem Ober-Genossen drinnen alle Zeit der Welt in dieser für die Nation nicht ganz unwichtigen Angelegenheit lassen. Hatschi!

Böse Zungen sagen, der alsbald neue Kanzler sei in diesen Tagen schwindender Zuversicht, in denen ein Virus der wahre Tempomacher ist, politisch eher wie eine Schnecke unterwegs. Bei idealen Bedingungen erreicht eine schlichte Weinbergschnecke eine Höchstgeschwindigkeit von annähernd 3 Metern pro Stunde, also 0.003 km/h. Usain Bolt kam im Sprint auf eine Maximalgeschwindigkeit von 44 km/h. Olaf Scholz ist irgendwo dazwischen. Eher näher bei der Weinbergschnecke.

Vielleicht wäre in der Not erst einmal ein runder Tisch ratsam? Nicht um der Pandemie selbst entgegen zu wirken, sondern um den Begriff der Schrittgeschwindigkeit überhaupt erst einmal juristisch sicher und belastbar zu definieren. Das jedenfalls könnte in einem Land, in dem sich Bürokratie wie Mehltau über die Politik legt, der nächste Schritt sein. Es braucht formaljuristische Präzision – so wie in der Straßenverkehrsordnung. Dort allerdings ist die besagte Schrittgeschwindigkeit, die beim Schild 325.1 verlangt wird, keineswegs spielraumfrei geregelt. Natürlich haben bei diesem Thema wie üblich schon die Gerichte gesprochen, und zwar höchst unterschiedlich. Für das Oberlandesgericht Karlsruhe liegt Schrittgeschwindigkeit in einer Spanne zwischen 4 und 7 km/h, wohingegen das Oberlandesgericht Hamm die Auffassung vertritt, zwischen 10 und 15 km/h könne gerade so noch als Schrittspeed durchgehen. Auf die Pandemie übertragen und die Schritte, die es zu gehen gilt, verheißt das nichts Gutes. Die einen definieren Schritte so, die anderen so. Das Virus bleibt unterdessen sauber auf der Überholspur. Ein Schrittmacher wäre jetzt nicht schlecht.
Einer, der sich ein bisschen beeilt!

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