Lähmende Behäbigkeit

Die überbordende Bürokratie im Staate ist schon öfter gegeißelt worden, aber nie so treffend wie von Cyril Northcote Parkinson aus Canterbury. Der Mann war fleißig und hat sechzig Bücher geschrieben, von denen keines im Lichte der Feuilletons leuchtete, bis auf eines: „Parkinsons Gesetz.“ Darin hat sich der kluge Engländer mit dem Wesen der Verwaltung im Allgemeinen befasst und im Besonderen mit der ihr innewohnenden Neigung, sich hemmungslos zu vermehren. Wie sind wir jetzt gleich ins Plaudern gekommen? Ach ja: die lähmende Behäbigkeit! Unser Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat diesen Begriff neulich im Munde geführt, als er die Bürokratie in diesem Land mit einem „wüsten Brombeergestrüpp“ verglich, durch das man nun leider durch müsse.

Tatsächlich ist dieses Brombeergestrüpp ziemlich resistent gegen alle Versuche, es zu stutzen. Das Statistische Bundesamt hat erhoben, dass die Kosten zur Befolgung gesetzlicher Vorgaben allein im vergangenen Jahr um 50 Prozent auf mehr als 17 Milliarden Euro gestiegen sind. Trotz erlassener Gesetze zum Bürokratieabbau werden immer neue Regelungen getroffen, die belasten statt zu entlasten. So benötigt ein Bäckerbetrieb pro Woche heute fast 13 Stunden für bürokratische Aufgaben wie Dokumentationspflichten. Brötchen verdienen und backen ist fast schon ein Nebenjob für den Bäcker. Die Bürokratie macht’s möglich. Ein Schreinermeister mit zwei Mitarbeitern berichtete neulich, dass er früher eine Stunde pro Tag für bürokratische Aufgaben benötigt habe. Den Rest seiner Zeit arbeitete er in der Werkstatt mit. Heute sei das Verhältnis umgekehrt. Eine Stunde in der Werkstatt, sieben Stunden im Büro.

Es gibt Menschen, die das vorausgesehen haben. 1957 erschien Parkinsons Gesetz zusammen mit neun weiteren Aufsätzen in Buchform. In seinem Beitrag „Hochfinanz oder der Punkt, an dem das Interesse erlischt“ formuliert der Historiker das Gesetz der Trivialität: „Die auf einen Tagesordnungspunkt verwendete Zeit ist umgekehrt proportional zu den jeweiligen Kosten.“ Parkinson schildert in diesem Gesetz die Sitzung eines Finanzausschusses, in der es um die Bewilligung eines Atomreaktors ging. Kostenfaktor waren hier 10 Millionen Dollar – Diskussionszeit 2 ½ Minuten. Die Diskussion über einen neuen Fahrradunterstand hingegen dauerte 45 Minuten – bei einem Kostenfaktor von 2350 Dollar. Und noch länger dauerte die Entscheidung über Kaffee für die Sitzungen eines anderen Ausschusses: Ausgaben monatlich 4,75 Dollar – Besprechungsdauer 5 ¼ Stunden. Parkinson hat daraus den Schluss gezogen, dass wichtige Entscheidungen, die oft Millionenkosten zur Folge haben, nicht selten innerhalb kürzester Zeit getroffen werden. Im Gegensatz dazu werden weniger wichtige Tagesordnungspunkte oft ausführlich diskutiert, da jeder etwas beitragen kann. Das dürfte ähnlich auch aus der Politik bekannt sein: Sitzungen dauern bisweilen viele Stunden und die wichtigsten Entscheidungen werden erst zum Ende überstürzt getroffen – nicht selten in Gestalt einer neuen gesetzlichen Vorgabe. Die Bürokraten seien „die Militaristen des Papierkriegs“, zürnte Parkinson schon vor mehr als siebzig Jahren, der wohl schon geahnt hat, dass sich auch in Zukunft mit verbesserter Bürotechnik und trotz Digitalisierung daran nichts ändern wird.

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